Glossar

Begriffe, die in den Zwischentönen wiederkehren – kurz erklärt, zum Nachschlagen.

Anamnese

Anamnese (von griechisch anámnēsis, Wieder-Erinnerung) trägt zwei Bedeutungen in sich, die selten zusammen gedacht werden. In der Medizin meint sie das Erheben der Vorgeschichte – alles, was ein Mensch an Geschichte, Beschwerden und Bedingungen mitbringt, ehe Diagnose und Behandlung beginnen. In der Philosophie steht dasselbe Wort für einen weit älteren Gedanken: Bei Platon ist Erkenntnis kein Hinzufügen von außen, sondern ein Sich-Wieder-Erinnern an ein Wissen, das die Seele schon in sich trägt. Im Dialog Menon führt Sokrates es vor, indem er einen ungelehrten Sklaven allein durch Fragen zu einer geometrischen Einsicht bringt – es wird nichts eingefüllt, nur herausgeholt. In Phaidon und Phaidros kehrt der Gedanke wieder. In den Zwischentönen lesen wir das Wort bewusst doppelt: Das Wesentliche bringt der Mensch oft schon mit, und unsere Kunst ist seltener das Hinzufügen als das Freilegen. Als Bild, nicht als Lehrsatz – manches muss sehr wohl neu gebaut werden.

Platon, Menon (ca. 80–86); ebenso Phaidon und Phaidros.  ·  Begriffsherkunft nach DWDS.

Esoterik / Exoterik

Zwei griechische Wörter, die heute nach verfeindeten Lagern klingen – Kristallkugel gegen Labortisch –, ursprünglich aber etwas viel Schlichteres meinten: innen und außen. Esōterikós (von esō, innen) bezeichnete das Wissen für den inneren Kreis, die Schüler einer Schule; exōterikós (von exō, außen) das für draußen, für alle. Aristoteles nannte die für die Öffentlichkeit bestimmten Schriften die exoterischen. Es war also zuerst eine Frage, für wen etwas gesagt ist – kein Glaubensbekenntnis. Erst später verschob sich die Achse: Aus „für wen" wurde „wohin man schaut" – innen das Verborgene, außen das Sichtbare – und schließlich der populäre Gegensatz von Mystik und Materialismus. In den Zwischentönen nehmen wir die Wörter in ihrem genauen Sinn: als zwei Lesarten desselben, nicht als zwei Weltanschauungen.

Begriffsherkunft nach DWDS.  ·  Zur ursprünglichen Schul-Unterscheidung vgl. die aristotelische Überlieferung.

Ganzheitlich

Ein Wort, das so oft und so beliebig verwendet wird – von der Teeschachtel bis zur Unternehmensberatung –, dass seine Bedeutung darunter fast verschwindet. Wörtlich heißt es: das Ganze betreffend. Ganz und heil sind nicht dasselbe Wort und nicht miteinander verwandt, meinen aber dasselbe – unversehrt, vollständig –, und heil zu werden hieß immer schon: ganz zu werden. Ganzheitlich arbeiten bedeutet darum nichts Geheimnisvolles: den Menschen als Ganzen ansehen, statt nur die Stelle, die gerade klemmt – seine Geschichte, seinen Kontext, sein Gewebe und sein Erleben als zusammenhängend zu lesen. Es behauptet nicht, dass alles mit allem verbunden sei, und es braucht keine große Geste. In den Zwischentönen ist ganzheitlich der nüchterne Gegenbegriff zur isolierten Symptombehandlung, nicht das Versprechen einer höheren Wahrheit.

Begriffsherkunft nach DWDS.

Interozeption

Interozeption (von lateinisch interus, innen, und capere, fassen, aufnehmen) meint die Wahrnehmung des eigenen Körperinneren – die Aufnahme von Reizen, die aus den Organen kommen: Druck, Wärme, chemische Zustände, Schmerz, der Atem, der Herzschlag. Unaufhörlich laufen solche Meldungen zum Gehirn; bewusst wird uns davon ein kleiner Teil. Und doch färbt gerade dieser Teil das Befinden – ob wir uns frisch fühlen oder müde, gespannt oder gelöst, hat hier eine seiner Wurzeln. Bemerkenswert ist die Richtung: Während Wahrnehmen sonst nach außen zielt, kehrt die Interozeption sich nach innen – sie ist der Sinn, mit dem ein System sich selbst bemerkt. Und darin liegt mehr als ein Messwert. Erst wo ein Mensch wahrnimmt, was in ihm geschieht, entsteht ein Standpunkt, von dem aus er antworten kann. In den Zwischentönen steht Interozeption darum für den leisen Anfang von Einfluss – nicht das Beherrschen des Inneren, sondern das Bemerken, das ihm vorausgeht.

Zur Definition vgl. Mommert-Jauch, Embodiment im Stressmanagement, Springer 2022.  ·  Die Einteilung der Wahrnehmung in extero-, proprio- und interozeptive Felder geht auf Charles S. Sherrington zurück (The Integrative Action of the Nervous System, 1906); das Substantiv „Interozeption“ wird erst in den 1940er-Jahren gebräuchlich.

Komplementär

Ergänzend – aber in einem genauen Sinn. Das Wort kommt über französisch complémentaire von lateinisch complēre: vollmachen, auffüllen, vollenden; verwandt mit plēnus, voll, und mit dem Plenum, dem vollen Raum. Komplementär ist also nicht, was bloß nebeneinandersteht, sondern was einander auffüllt: Wo das eine eine Lücke lässt, fügt sich das andere. In der Medizin ist der Begriff durch die „Komplementärmedizin" vorbelastet; so ist er hier nicht gemeint. In den Zwischentönen meint komplementär die Passung zweier Sichtweisen oder Rahmen, die einander ergänzen, ohne sich aufzuheben – die schnelle, funktionelle Arbeit und die langsame, ursächliche. Kein Sammelsurium, in dem alles gleich gilt, sondern ein Bild, das erst vollständig wird, wenn jede Lesart die Frage beantwortet, für die sie taugt.

Begriffsherkunft nach DWDS.

Kopplung

Kopplung (von koppeln, verbinden, zu lateinisch copula, das Band) meint eine Verbindung zwischen zwei Teilen, die so eng ist, dass eine Veränderung im einen sich im anderen fortsetzt. In den Zwischentönen steht sie vor allem für das wechselseitige Verhältnis von Struktur und Funktion: Die Funktion formt über die Zeit die Struktur – Gebrauch prägt Gewebe –, und die geformte Struktur lenkt ihrerseits, was an Funktion noch möglich ist. Keiner der beiden Pole ist der erste; das Lebendige liegt in ihrem Zusammenspiel. Gerade weil beide gekoppelt sind, lässt sich an der Struktur die Funktion ablesen, die sie geformt hat – und doch nie ganz, denn die Struktur bezeugt die gewesene Funktion, nicht den lebendigen Vollzug.

Zum Grundsatz „Funktion formt Struktur" vgl. die funktionelle Anpassung nach Wilhelm Roux und das Wolffsche Gesetz der Knochentransformation.

Krankheitsgewinn

Der – meist unbewusste – Nutzen, den ein Symptom erfüllt, sodass es schwerer loszulassen ist, als es scheint. Man unterscheidet den primären Krankheitsgewinn, bei dem das Symptom vor der Konfrontation mit einer dahinterliegenden Not schützt (etwa indem es belastende Gefühle bindet oder den Selbstwert schont), und den sekundären, bei dem das Erkranktsein im Umfeld Zuwendung, Schonung oder eine legitime Möglichkeit zum Neinsagen verschafft. Im systemischen Denken heißt das auch Funktionalität: Das Symptom hat eine Aufgabe, übernimmt eine Rolle im inneren oder zwischenmenschlichen Gefüge. Wichtig und oft missverstanden: Das ist kein Vorwurf und keine Absicht. Ein Krankheitsgewinn ist ein in der Not gefundener Ausweg, ein Lösungsversuch, der kurzfristig entlastet und langfristig im Weg stehen kann – und gerade deshalb mit Vorsicht und ohne Schuldzuweisung zu betrachten ist.

Der Begriff geht auf Sigmund Freud zurück.  ·  Zur systemischen Funktionalität: Zarbock, Wilckens & Semmler, Biografisch-systemische Verhaltenstherapie, Springer 2022.

Krisenvertonung

Ein Wort des Psychologen und Stimmforschers Jürg Kollbrunner für einen Gedanken, der die funktionelle Stimmstörung anders ansehen lässt: Die Stimme vertont die Lage, in der ein Mensch steht. Eine festsitzende, gepresste, versagende Stimme ist dann nicht bloß ein Muskel, der sich nicht lösen will, sondern trägt etwas mit – eine Krise, eine Beschwernis, eine Geschichte, die mitklingt, ohne ausgesprochen zu sein. Daraus folgt, dass die Grenze zwischen der Arbeit an der Stimme und dem, was den Menschen bewegt, fließender verläuft, als die Logopädie sie aus Vorsicht oft zieht. In den Zwischentönen heißt das nicht, die Seele zu behandeln – das Behandlungsziel bleibt die Stimme. Es heißt, ernst zu nehmen, dass eine Stimme manchmal erst dann leicht wird, wenn der Boden leichter wird, auf dem sie klingt.

Kollbrunner, Funktionelle Dysphonien bei Erwachsenen, Schulz-Kirchner Verlag.

Leib

Leib und Körper sind im Deutschen zwei Wörter für scheinbar dasselbe – und meinen doch Verschiedenes. Körper (von lateinisch corpus) ist der Leib, den man von außen sieht und vermisst, das Objekt der Anatomie. Leib meint denselben Menschen von innen: das, was sich spürt, atmet, sich bemerkt, ehe es sich beschreibt. Das Wort trägt diese Nähe zum Leben in sich, wörtlich: althochdeutsch līb hieß Leben, und es ist mit leben und bleiben verwandt, im Englischen mit life. Erst spät wurde diese Bedeutung vom Substantiv Leben verdrängt; die alte Nähe klingt noch in der Rechtsformel Leib und Leben nach. Daraus folgt eine feine Doppelung: Der Mensch ist sein Leib – er lebt ihn – und hat ihn zugleich als ein Gegenüber, das er betrachten kann. Das sind nicht zwei Dinge, kein Geist neben einem Körper, sondern zwei Verhältnisse zu einem Leib. In den Zwischentönen ist der Leib darum kein Gegenbegriff zur Seele und keine feinstoffliche Hülle, sondern der lebendige Grund, der sich schon bemerkt, ehe ein Wort ihn benennt.

Begriffsherkunft nach DWDS.  ·  Zur Doppelung von Leiblichkeit und Leibhaftigkeit – der Mensch ist sein Leib und hat ihn zugleich – vgl. Derbolowsky, Haltungsanalytische Atem-, Sprech- und Stimmtherapie, Haug 1978.

Leihen

Wir hören in leihen zuerst ein Geben. Die Wurzel sagt etwas anderes. Das Wort geht auf eine indogermanische Form *leiku̯- zurück, die nicht „geben" bedeutet, sondern lassen, zurücklassen, übriglassen. Dieselbe Wurzel trägt eine ganze Familie des Zurückgelassenen: lateinisch relinquere (zurücklassen) mit seinem Relikt und seiner Reliquie, griechisch leípein (verlassen, hinterlassen) und loipós (übrig). Leihen ist demnach eine Weise des Loslassens: Wer leiht, gibt aus der Hand – im Wissen um die Rückkehr – und lässt es währenddessen los. Das Feld ringsum handelt vom Überbleibsel, vom Rest, der liegenbleibt, wenn der andere gegangen ist. In den Zwischentönen kehren wir das um: Beim guten Helfen bleibt gerade kein Rest des Verleihers. Was geliehen wird, war nie das Eigene des Helfers – es war ein Boden, auf dem dem anderen das Seine wieder gelingt, und der gehörte ihm von Anfang an. Geliehen, und zurückgegeben, ohne dass etwas hängenbleibt.

Begriffsherkunft nach DWDS (Pfeifer); zur Wurzel ie. *leiku̯- „lassen, zurücklassen".

Narrativ

Ein Narrativ ist eine Erzählung, die nicht bloß aufzeichnet, was war, sondern formt, was es bedeutet. Das Wort stammt von lateinisch narrare (erzählen), das mit gnarus (kundig, wissend) verwandt ist: Wer erzählt, macht etwas kund – er gibt ihm den Anschein des Gewussten. Genau darin liegt die stille Macht der Form. Ein Narrativ tritt auf wie eine Tatsache und ist doch eine Deutung. Auf das eigene Leben angewandt heißt das: Wir sind weniger die Summe unserer Erlebnisse als die Geschichten, die wir über sie erzählen – und die sich mit jeder Wiederholung fester anfühlen, bis wir vergessen, dass sie einmal nur ein vorläufiger Erklärungsversuch waren. Ein Wort zur Vorsicht in eigener Sache: Im politischen Lärm wird „Narrativ" zunehmend zum Kampfbegriff – „das ist doch nur ein Narrativ" soll dann Lüge oder Mache heißen. Hier ist es nüchterner gemeint. Ein Narrativ ist keine Lüge, sondern die Art, wie ein Mensch sich Zusammenhang schafft. Die Frage ist nie, ob wir erzählen, sondern ob wir bemerken, dass wir es tun.

Begriffsherkunft nach DWDS.  ·  Zur narrativen Verfasstheit des autobiografischen Gedächtnisses vgl. Pohl, Das autobiografische Gedächtnis, Kohlhammer 2007.

Palpation

Palpation (von lateinisch palpāre, tasten, streicheln, sich vorfühlen) meint die Untersuchung mit der Hand – das Erheben eines Befundes durch Berührung, dort, wo kein Bild und kein Gerät hinreicht. Bemerkenswert ist der Grundton des Wortes: palpāre war nie ein Zugreifen oder Packen, sondern ein behutsames, fühlendes Berühren – ein Sich-Vorfühlen. Wer palpiert, ergreift nicht, sondern tastet sich heran. Darin liegt eine alte Verwandtschaft, die das Deutsche offen zeigt: Was die Hand tastet, beginnt der Kopf zu begreifen – Berührung ist eine Wurzel des Verstehens. In den Zwischentönen steht Palpation für genau diesen Augenblick: in dem aus der benannten Struktur die gelesene, lebendige wird und aus dem Erklären ein Verstehen. Sie verlangt Wissen – man tastet nur sauber, was man kennt – und Vorsicht zugleich, denn die fühlende Hand arbeitet oft dort, wo Empfindliches dicht beieinanderliegt.

Begriffsherkunft nach DWDS.

Utilisation

Utilisation (von lateinisch uti, nutzen) ist ein Prinzip, das auf Milton Erickson zurückgeht und heute in systemischer wie hypnotherapeutischer Arbeit fest verankert ist. Statt ein Symptom, einen Widerstand oder eine vermeintliche Schwäche zu bekämpfen, wird gerade das Mitgebrachte als Ressource verstanden und in die Lösung eingebunden – das vermeintliche Hindernis wird zum Ansatzpunkt. Oft heißt das, etwas ohnehin Vorhandenes bewusst aufzugreifen, und schon dieser Perspektivwechsel wirkt. In den Zwischentönen kehrt der Gedanke als Grundton wieder: Was im Weg zu stehen scheint, ist oft der beste Hebel.

Reddemann, Kontexte von Achtsamkeit in der Psychotherapie, Kohlhammer 2017.  ·  Steiner, Die Kunst der Familienaufstellung, Kohlhammer 2020.

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