Logopädie 25. Juni 2026
Das Ich entsteht im Narrativ
Sprache schafft Wirklichkeit.
„Es fällt mir nicht ein."
Stell Dir einen Menschen vor, dem ein Wort abhandenkommt. Nicht im Vorübergehen, wie uns allen – sondern seit einem Schlag, der vor Kurzem durch sein Leben ging. Er sucht, er findet nichts, und er sagt diesen Satz. Und während er ihn sagt, geschieht mehr, als der Satz behauptet. Der Atem wird flach, die Schultern ziehen hoch, das Gesicht schließt sich. Der Satz beschreibt einen Zustand – und stellt ihn im selben Atemzug her.
Denn er sagt nicht etwas über ein Wort. Er sagt etwas über sich: einer, dem nichts mehr einfällt.
Das ist die Falle. Der Satz macht eng, die Enge macht das Suchen schwerer, das schwerere Suchen gibt dem Satz recht. Er bestätigt sich, indem er wirkt – ein Kreis, der sich selbst schließt.
Aus einer Wortfindungsstörung, die er gerade hat, wird, Satz für Satz, jemand, der so ist.
Dass das keine Magie ist, macht den Vorgang nicht kleiner – es macht ihn erstaunlicher. Unter Anspannung verändert sich der Atem. Mit ihm verändert sich, wie viel Kohlendioxid das Blut führt. Und das wirkt auf die Durchblutung des Gehirns – auf genau jene Netze, die eben noch nach einem Wort gesucht haben.
(Wer es genauer wissen will: ein kurzer Zwischenraum führt zum Akademie-Beitrag dieser Reihe, der dem nachgeht – unterwegs lädt ein ruhiger Gang durch die eigenen Sinne zum Verweilen ein.)
Was also tun mit einem Satz, der sich selbst recht gibt? Ihn nicht widerlegen – dagegen anzureden schließt den Kreis fester. Sondern den Punkt verschieben, von dem aus geschaut wird. Das geht weniger über eine Anweisung als über eine Frage. „Atme aus" wäre eine Anweisung, und sie verfehlte den Atem, der sich nicht befehlen lässt, sondern geschieht, wenn man ihn lässt. Eine Frage verlangt nichts. Sie öffnet.
Was nimmst Du gerade wahr, während Du das denkst?
Für einen Moment wird etwas sichtbar, das eben noch im Satz verborgen war: Der Gedanke – und das Bemerken des Gedankens – fallen nicht ganz zusammen.
Vorsichtiger noch: Ist es nicht erstaunlich, dass etwas in Dir das überhaupt meldet – dass da Fühler sind, die vom eigenen Inneren berichten?
Für das, was hier geschieht – dieses Wahrnehmen des eigenen Inneren – gibt es ein Wort: Interozeption. Es ist nicht der Anfang einer Technik, sondern der Anfang eines Standpunkts. Erst wo ein Mensch bemerkt, was in ihm vorgeht, ist da jemand, der wählen kann, wie er darauf antwortet.
Schafft Sprache also Wirklichkeit? Ja. Der Satz hat in die Durchblutung eines Gehirns gegriffen – konkreter kann ein Wort kaum werden. Er hat den Atem bewegt, und der Atem den Stoffwechsel, und erst darüber die Wirklichkeit, die er behauptete. Das Wort war der Anstoß. Geantwortet hat der Leib.
Vielleicht antwortet der Leib häufiger, als wir glauben – und manchmal lange, bevor wir Worte dafür finden.