Akademie 27. Juni 2026

Das Ich entsteht im Narrativ

Ein Ich ohne Sprache?

Stell Dir einen Menschen vor, dem ein Wort fehlt. Nicht für den einen Augenblick, wie es uns allen geschieht, sondern verlässlich, an derselben Stelle, wieder und wieder. Er weiß, was er sagen will. Er weiß, dass er es weiß. Dazwischen liegt eine Lücke, die er nicht überbrücken kann. „Es fällt mir nicht ein", sagt er – und der Satz tut, was er beschreibt: Er benennt das Fehlen, indem ihm das Wort fehlt.

Bleiben wir bei ihm. Denn während das Wort ausbleibt, bleibt etwas anderes nicht aus. Er atmet.

Der Atem war da, ehe das erste Wort kam – in seinem Leben und in der Geschichte unserer Art. Er läuft, ohne dass ein Wille ihn unterhält; kein Muskel muss eigens befohlen werden. Er ist in Ordnung, wenn er geschehen darf. Und er läuft eine Schicht tiefer als die Hirnrinde, an der gerade die Sprache scheitert – älter als das Wort. Da läuft etwas weiter, das wir den Leib nennen.

Das erzählte Ich entsteht im Narrativ. Setzt das Erzählen aus, scheint mit dem Wort auch das Ich zu verstummen.

Derselbe Atem aber kann sich gegen sich wenden. Unter Druck wird er schnell und flach. Man könnte vermuten, der Blutdruck sei dabei der Hebel – er steigt ja, wenn wir unter Druck geraten. Er ist es kaum: Die Durchblutung der Großhirnrinde wird über einen weiten Bereich erstaunlich konstant gehalten, der Druck darf schwanken, ohne dass die Rinde es spürt. Der empfindlichere Hebel ist ein anderer – das Kohlendioxid. Wer schnell und flach atmet, atmet zu viel davon ab. Und das Gehirn, das auf dessen Spiegel feiner reagiert als auf fast alles sonst, antwortet, indem es seine Gefäße enger stellt. Weniger Kohlendioxid, engere Gefäße, weniger Durchblutung – und die hohe Leistung, die Sprache verlangt, lässt als erste nach. Das Wort fällt dann nicht aus Mangel an Willen. Es fällt, weil die Rinde, die es bilden müsste, knapper versorgt ist.

Das Beunruhigende daran: Es trägt sich selbst. Die Enge, das Kribbeln in den Fingern, das Gefühl, nicht genug Luft zu bekommen – all das bringt der niedrige Kohlendioxidspiegel mit sich, und all das ist seinerseits beängstigend, und die Angst treibt den Atem weiter an. Ein Kreis, der sich nicht von außen schließt, sondern von innen: eine unglückliche Antwort, die sich selbst unterhält. „Es fällt mir nicht ein" – der Satz vom Anfang liest sich jetzt anders. Er ist nicht die Klage über den Kreis. Er ist der Kreis selbst, hörbar geworden.

Einen solchen Kreis kann man nicht herwollen. Sich Ruhe zu befehlen, erreicht den Teil des Nervensystems nicht, der unter Druck anspringt. Aber der Atem hat eine Tür, die offensteht. Die verlängerte Ausatmung eröffnet einen anderen physiologischen Zugang. Sie lässt das Kohlendioxid wieder steigen, die Gefäße weiten sich, die Rinde wird wieder versorgt – das Wort darf heimkehren.

Und hier rückt etwas in den Blick, das über die Mechanik hinausweist. Den Atem zu verlängern heißt nicht, ihn zu zwingen. Es heißt, sich in das einzufügen, was ohnehin geschieht – der Wille nicht als Befehlshaber, sondern als guter Gastgeber für eine Funktion, die ihm nicht gehorcht und sich doch beherbergen lässt. An dieser Stelle berühren sich das Autonome und der Wille: der Atem, der von selbst läuft, und das Ich, das ihn beherbergen kann. Eine andere Art zu antworten – und die Antwort ist kein Wort, sondern ein längeres Ausatmen.

Kehren wir zu ihm zurück. Das Wort ist noch nicht da. Aber er atmet, und sein Atem läuft weiter, unter der Rinde, die das Wort schuldig bleibt. Das ist der Befund – nüchtern, überprüfbar, ohne Geheimnis.

Und dieser Fall verlangt etwas, das der Alltag uns erspart. Für gewöhnlich fallen zwei Dinge in eins: der, als den wir uns erzählen, und der, der atmet, spürt, da ist. Wir bemerken die Naht nicht, weil das Erzählen so dicht über dem Leib liegt. Hier aber, wo das Erzählen ausgesetzt hat und der Leib weiter antwortet, sind wir gezwungen zu unterscheiden. Nicht, weil hier zwei Dinge wären, wo sonst eines ist.

Der Grenzfall macht sichtbar, was im Normalfall verschmiert.

Der Mensch, dem das Wort verlässlich fehlt, zeigt darum ungeschützt, was bei uns allen unter dem Erzählen liegt. Wenn der Grenzfall uns zur Unterscheidung zwingt – was sagt das über den Normalfall? Was sagt das über Dich?

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