Logopädie 29. Juni 2026

Geliehen und zurückgegeben

Ich leihe Dir die Leichtigkeit

Ich mache es vor. Eine leichte, offene Phonation, mühelos. Du machst nach. Es klingt noch immer gepresst. Noch einmal – ich locker, Du angestrengt. Wieder nichts. Wer zusähe, dächte, es fehle an Technik, an Übung, am richtigen Griff. Aber den Griff haben wir hundertmal geübt. Es fehlt etwas anderes.

Was wirklich fehlt

Jürg Kollbrunner hat die funktionelle Stimmstörung eine Krisenvertonung genannt: Die Stimme trägt mit, was den Menschen beschwert, sie vertont seine Lage. Wenn das stimmt, ist eine festsitzende Stimme nicht bloß ein Muskel, der sich nicht lösen will. Sie trägt ein Gewicht. Und gegen ein Gewicht hilft kein noch so genauer Griff – es braucht einen Boden, auf dem die Stimme leicht werden darf.

Bei mir gelingt die leichte Phonation, und der Grund ist unbequem schlicht: Ich trage dieses Gewicht nicht. Ich bin in dieser Sache unbeschwert. Und wenn ich mit Dir über einen Lebensbereich spreche, in dem auch Du unbeschwert bist – etwas, das Dir leicht von der Hand geht, das Dich nichts kostet –, dann teilen wir für einen Moment denselben leichten Boden. Auf dem gelingt, was auf dem schweren nicht gelang.

Und plötzlich springt etwas. Die Stimme löst sich, mitten im Satz, ohne dass einer von uns den Griff verändert hätte. Was vorausging, lässt sich benennen – der gemeinsame leichte Boden, die Stimmung, die die Stimme trägt. Den Übergang selbst, den Augenblick, in dem es kippt, hält keine Beschreibung fest. Wir wissen, unter welcher Bedingung es gelingt. Warum ausgerechnet beim fünften Versuch und nicht beim vierten, das wissen wir nicht.

Das nimmt meinem Vormachen den Glanz, und das soll es. Dass es bei mir leicht klingt, ist kein Können. Es ist Unbelastetheit. Ich kann es vormachen, weil ich nichts zu tragen habe – nicht, weil ich es besser beherrsche.

Wenn es trägt

Darum nehme ich mich zurück, sobald es trägt. Ich höre auf vorzumachen, damit Du trägst. Die Übung geht mit Dir nach Hause; den Boden findest Du dort allein wieder. Was dann klingt, ist nicht meine Leichtigkeit, die in Dir weiterlebt. Es ist Dein eigener Atem, den Du zurückhast. Geliehen war der Boden – und der war immer Deiner.

Ich mache es vor, damit Du es nicht mehr brauchst.

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